Moonsorrow "Viides luku - Hävitetty / Chapter V - Ravaged"
9.1.2007
2 Tracks mit einer Gesamtspielzeit von 56:30 Minuten- hier sieht wohl jedermann, dass es sich um eine außerordentlich ungewöhnliche Scheibe handelt, der eine künstlerische Vision zugrunde liegt, bei der man sich nicht gescheut hat, das Wagnis einzugehen sie umzusetzen, dabei mit etwas Trotz zwecks Idealisierung des kreativen Genies die gängigen Standards missachtend. Diese künstlerische Herausforderung haben die Finnen von Moonsorrow jedoch zweifelsfrei ausgezeichnet gemeistert. Die Band ist ja mit ihren vier Vorgänger-Alben schon für Songs von längerer Spielzeit bekannt und es zeichnete sich die Vorliebe für das Epische auch bereits zunehmend ab, aber dass sie etwas derartiges wie „Chapter V - Ravaged“ herausbringen würden, hätte wohl niemand wirklich gedacht. Unterstützt wird dieses Werk von der Stimme von THYRFING’s Thomas Väänänen.
Der Titel des Albums (zu deutsch: verwüstet; entstellt) sowie der beiden Tracks deutet die weitere Entwicklung der Band schon an: Moonsorrow nehmen mit ihrer Musik keinesfalls eine optimistischere Haltung ein. Ganz im Gegenteil, dieses Album ist dunkler, ernster und niederdrückender als alles Vorherige. Für diese Scheibe muss man sich Zeit nehmen und zurücklehnen, sodass man eintauchen kann in ein Land voller Extreme, Schönheit und Verzweiflung. Die finnischen Lyrics sind leider für mich unverständlich, doch das scheint nicht weiter tragisch, denn die musikalische Umsetzung spricht für sich.
Schneeknistern, dann ein ruhiges Intro, dass gemächlich in die entrückte Welt Moonsorrows einführt; beruhigende Männergesänge, bevor das Motiv, der eigentliche rote Faden des Stückes, vorgestellt wird. Ab der 6. Minute wird der Song druckvoller, als dann auch Ville`s Stimme und gegen Ende der 7. Minute der beißende, schneidende Gesang einsetzt. Spätestens hier ist man in der Welt des musikalischen Genies gefangen und verfolgt gespannt, wie sich der Klangteppich weiterhin ausbreitet. Hierbei scheint es jedoch unmöglich, genauere Voraussagen zu machen; die Entwicklung des Motivs nimmt Wendungen und Steigerungen, bis es dann in der Hälfte des Songs eine Art Wendung gibt und ein weiteres, mit Folkelementen (die hier erstmals auftauchen!) umgesetztes Motiv hinzukommt. Hier bekommt der Hörer eine kurze Verschnaufpause, bis er dann der friedlichen Atmosphäre wieder gnadenlos entrissen wird. Hoffnungslosigkeit macht sich breit, beißender Wut wird aggressiv Ausdruck verleiht, dann kommt schließlich wieder Melancholie ins Spiel bis hin zur Verzweiflung, bevor das anfängliche Schneeknirschen wiederkommt und dessen Übergang in das Knistern von Feuer den zweiten Track ankündigt.
Dieser beginnt mit meditativen, rituellen Männerchören und ist insgesamt vom Tempo her schneller als der Vorgänger. Der Track nimmt starke Züge Richtung Schamanimus an, was sehr innovativ und erfrischend wirkt. Außerdem gibt es hier auch etwas mehr Folkelemente und es finden sich die altbekannten und typischen Moonsorrow Chöre wieder. In der 13. Minute wird der Hörer mit einer saugeilen Black Metal Passage beinahe überrannt, bis das Album sich langsam episch dem Ende neigt und Ville’s schneidender Gesang von der Bandbreite der Emotionen ein Resumée zieht- verzweifelnd schöne Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Es bleiben nur das zerstörende Knistern des Feuers und die einsamen Stimmen des Windes und des Donners in der dunklen Ferne.
Moonsorrow schaffen es, nicht eine Sekunde Monotonie oder Langeweile aufkommen zu lassen, denn gerade, wenn der Hörer glaubt, er könne aufatmen, wird er eines besseren belehrt und erlebt immer wieder Überraschungen- düstere, aber feierliche Ernsthaftigkeit und veredelte, aber schonungslose Grausamkeit. Die Gegensätze klirrender Kälte, Verzweiflung, Melancholie und beißender Hitze, Wut, Aggression spielen sich gegeneinander aus, bevor sie wieder zusammenfinden und die Extreme vereint werden. Die Frage nach verbleibender Hoffnung scheint durch die Leere am Anfang und die Leere, die am Ende verbleibt, besiegelt: die Sinnfindung ist gescheitert, das Individuum und die Welt scheinen zerstört - Ravaged.
Jegliche, noch so metaphorische Beschreibungen scheinen dem Album jedoch nicht gerecht zu werden- man muss es selbst erleben.
Ein hervorragendes, sehr vielseitiges episches Black/Heathen Metal Opus, das dem Hörer absolute Aufmerksamkeit abverlangt und jedem, der sich geduldig und intensiv in die Welt qualitativer Musik einlassen kann, eine verzweifelt schöne Freude bereiten dürfte.
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