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Psychomantum "genius loci"

Psychomantum - genius loci - CD-Cover 15.12.2009
Als bekennender Althistoriker und Mediävist mit germanistischem Hintergrund war es für mich ein ganz besonderer Genuss, eine Promo-CD in die Hand gedrückt zu bekommen, die den wunderschönen Titel “genius loci” (Gründungs- und Schutzgeist eines Ortes in der römischen Religion) trägt und darüber hinaus sich den Sagen der kulturträchtigen Stadt Heidelberg widmet. Was wünscht sich der geneigte Historiker mehr? Da ich allerdings nicht vermute, dass nur Fachkollegen musikalisches Interesse an dem Pfälzer Werk zeigen werde, muss bei Verlagerung meiner Kritik auf das Zentrale der CD, nämlich die Musik, ich meine Euphorie leider etwas bremsen. Das erste Stück „Die Sage“ ist dem Kurpfälzer Sagenborn entnommen, einer Sammlung Heidelberger Sagen, die von Bernhard Jakob 1933 veröffentlicht wurde. Wer sich für den Inhalt der Stücke interessiert, sei an dieser Stelle noch schnell auf das Projekt „Schrifttum zur Stadt Heidelberg und zur Region“ der Uni Heidelberg verwiesen, die eben diesen Sagenborn (neben anderen wichtigen Schriftquellen!) digital zugänglich gemacht haben. Zurück zur Musik: Die Sage ist der Opener der Scheibe, in welchem Sargath, der kluge Kopf hinter Psychomantum, ein Gedicht mit ebendiesem Titel aus besagtem Sammelwerk vorliest. Dabei manifestiert sich relativ rasch der sphärische bis verträumte Grundtenor des Werks. Dabei wechseln hier dichte Keyboardharmonien mit gelegentlich eingeschobenen Growls, welche von schnellen Drums unterstützt werden. Ohne pedantisch wirken zu wollen, muss trotz des zauberhaften und bereits recht professionellen Charakters des Stücks darauf hingewiesen werden, dass die vorgenommenen Modulation bisweilen etwas holprig angebracht sind und für den Hörer des Öfteren überraschend kommen. Das zweite Stück mit dem schönen Titel „Ein Fluch und seine Erfüllung“ ist ebenfalls des Sagenborn entnommen und erzählt die Geschichte zweier verfeindeter Familien, deren einer Sohn getötet wird, woraufhin die trauernde Mutter die andere Familie verflucht. Dem düsteren Inhalt gerecht, vertont Sargath die Geschichte mit molllastigen Keyboards und Growlgesang. Diese Mischung ist wahrhaft nicht neu, doch findet sie in diesem Stück prädestinierte Verwendung. Anders sollte man „Ein Fluch und seine Erfüllung“ nun wirklich nicht erzählen! Doch dann, nach gut sieben Minuten, kommt die große Überraschung: Nach 6 ½ Minuten schwenkt das Stück plötzlich von melancholischen, aber treibenden Klängen zu durlastigen Harmonien, die der Schlagerparade entnommen sein könnte – ohne ersichtlichen Grund! Ohne einen Wendepunkt in der Geschichte zu erzählen, wechselt die Grundharmonie des Stückes für eine halbe Minute! Sorry, das geht gar nicht! Hinzukommt, dass „Ein Fluch und seine Erfüllung“ für ein einzelnes Stück einfach zu lang ist. Um es in einer kalten Winternacht mit dem/der Liebsten am Kamin zu hören, eignet es sich hervorragend, aber zur kurzweiligen Unterhaltung dient „Ein Fluch und seine Erfüllung“ auf gar keinen Fall. Besser wird es dann mit dem dritten Stück „Der Schatz im alten Berg“. Hier nun beruft sich der Musiker fast gänzlich auf klassische Instrumente wie die Violine und das Klavier. Dabei verwendet er gängige Harmonien und Kompositionsstile, in denen das Tasteninstrument die thematische Grundlage bietet und die Streicher einen warmen, hellen Klangteppich darüber legen. Man verfährt hier strikt nach dem Motto weniger ist mehr, sodass das musikalische Thema stets dasselbe ist bis zur Hälfte des Stücks. Und diese Rechnung geht auf! Positiv ist auch zu bemerken, dass der harmonische Wechsel in der Mitte des Songs wesentlich flüssiger vollzogen wird als bei seinem Vorgänger. Alles in allem klingt „Der Schatz im alten Berg gänzlich reifer und professioneller als „Ein Fluch und seine Erfüllung“. Ebenso harmonisch und verträumt geht es mit „Die Jetta“ weiter, welches die Geschichte einer prophetischen Frau, die in gallorömischer Zeit auf dem sogenannten Jettenbühl, dem Hügel, auf dem das Heidelberger Schloss steht, lebte. Jetta prophezeite dem Ort königliche Bewohner, aber auch Krieg und Tod. Eines Tages wird Jetta an einer Quelle im Wald Opfer einer hungrigen Wölfin und die Prophezeiungen finden ein jähes Ende. Was aus den Weissagungen wird, verrät uns die Legende leider nicht, doch ist dies auch nicht Gegenstand der Beurteilung. Vielmehr sei hier hervorgehoben, dass das Stück wunderbar das einsame Leben und den traurigen Tod der Frau inszeniert. Und dennoch schleichen sich auch hier wieder holprige Modulationen und langatmige Passagen ein. Ein Problem, welches sich durch das gesamte Werk zieht. Schade, dass eine Sagen- bzw. Liedsammlung, die mit soviel Herzblut angefertigt wird, an eben solchen Mängeln krankt. Man hört jedem einzelnen Song an, dass Sargath sich tiefschürfend mit dem textlichen Inhalt befasst hat und jeder einzelne Akkord wohlbedacht angebracht wurde. Trotzdem, vielleicht aber auch gerade deswegen, wirken die Stücke zäh und bisweilen unglaubwürdig. Das Potential, welches aus „genius loci“ herauszuhören ist, verspricht, dass Sargath bald viele schöne Stücke produzieren kann, doch bis dahin muss noch etwas an der Gesamttechnik gefeilt werden. Hoffentlich geschieht dies! Denn dann dürfen wir uns nach mittelmäßigen Songs auf wohlkomponierte Werke freuen.

Tracklist

1. Die Sage (Einleitung)
2. Ein Fluch und seine Erfüllung
3. Der Schatz im alten Berg *****
4. Die Jetta
5. Von einer schwarzen Hochzeit ******
6. genius loci (Finale)
6/10 Punkte Sarah Junges / V.U. Abspieltipps: ******
Label: Eigenproduktion

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