Interview

V.U.-Site durchsuchen

HIM - Interview mit Migé, Konzert in Köln (Palladium), 03.04.2004

HIM InterviewFinnische Chartsstürmer in Umbruchstimmung?

Über HIM an sich müssen wir wohl nicht viele Wort verlieren. Inzwischen kennt dieses Aushängeschild der finnischen Musikszene wohl jeder. Egal ob im Untergrund oder im Mainstream. Aber gerade diese weite Verbreitung macht die Sache für uns so interessant. Deshalb nahmen wir das HIM - Konzert am 03.04.2004 im Kölner Palladium zum Anlass, uns mit Migé, dem Bassisten, insbesondere über die musikalische Entwicklung zu unterhalten. Denn eines ist klar: Bei einer Entwicklung von Underground zu Mainstream bleibt nichts, wie es einmal war. Das wurde uns bereits bei dem Versuch klar, einen Interview-Termin zu erhaschen. Doch das freundliche Promotionsteam bemühte sich redlich, jedem neugierigen Reporterteam etwas Zeit einzuräumen. Und hier das Ergebnis von 20 sehr kompakten Interview-Minuten...


Okay, Ich glaube, Ihr hattet heute schon einige Interviews...

"So viele waren das gar nicht. Nein, nein."

Mir wurde was von zehn Interviews heute erzählt.

"Eine glatte Lüge."

Okay, wie auch immer. Ich will mal versuchen, mich auf Fragen zu konzentrieren, die Euch nicht schon hundertmal zuvor gestellt worden sind.

"Eine ziemlich gute Idee. Das ist der einzig richtige Weg für Journalisten, die Sache ans Laufen zu bringen."

Na gut, dann versuchen wir das jetzt mal.

"Ich bin mir sicher, dass Du das hinbekommst."

Zunächst einmal: Wie ist die Tour bisher gelaufen? Wie war das Feedback der Fans? Mögen sie das neuere Material?

„Eigentlich bekommen wir gar kein Feedback. Auf Tour sind wir ziemlich von der Außenwelt abgeschnitten. Wir gehen nicht ins Internet, kontrollieren nicht unsere e - mails. Manche Gigs waren gut, andere weniger."

Gab es Probleme bisher? Oder läuft alles glatt?

„In dieser Band gibt es immer Probleme. Es gibt dauernd irgendwelche lächerlichen Schwierigkeiten. Aber ich glaube, dass das eigentlich jeder Band passiert, die Musik so ernsthaft betreibt, dass sie wirklich davon leben kann. Wenn man all seine Kraft in eine Band investiert, gibt es immer Probleme."

Glaubst Du, dass die Fans Eure neueren Songs mögen? Oder glaubst Du, dass sie die älteren Songs bevorzugen?

„Naja, wir sind in der glücklichen Situation, dass „razorblade romance" sehr stark auf die Leute gewirkt hat, als das Album rauskam. Ich glaube also, dass das damals eine gute Zeit für die Band war. Wir waren jung und enthusiastisch. Die Leute erinnern sich natürlich an diese Zeit. Auf eine gewisse Weise ist das neue Material genauso gut. Aber alle sehnen sich nach der Vergangenheit. So funktionieren menschliche Hirne eben. Sogar wir sehnen uns von Zeit zu Zeit nach dieser Phase. Aber das heißt nicht, dass sich alles komplett ändert. Obwohl die neueren Songs reifer geworden sind. Irgendwie ehrlicher."

Wer ist auf die Idee gekommen, mit Zeraphine zusammen zu touren und warum? Sie spielen ja eigentlich andere Musik als Ihr. Und normalerweise lässt man ja Bands zusammen touren, die ähnlich klingen und das gleiche Publikum anziehen. Außerdem gab es da diese Geschichte, dass Ihr Euch schon länger kennt und Ihr eine Wette verloren habt, weswegen Ihr einen Teil Eurer Studiozeit an Zeraphine abgeben musstet, damit diese Ihr neues Album „traumaworld" fertig stellen konnten.

„Oh ja, kann sein. Das weiß ich nicht so genau. Stimmt vielleicht sogar. Ich persönlich kenne Zeraphine gar nicht so gut. Ich habe sie auf dieser Tour erst kennen gelernt. Wir haben aber einige gemeinsame Freunde, über die wir uns kennen. Und es sind wirklich nette Jungs. Mir persönlich ist es egal, was die Vorband musikalisch macht, solange ich mit den Leuten gut auskomme."

Einige von Euch sind große Fans von Black Sabbath. Letzten Herbst solltet Ihr eigentlich Ozzy Osbourne auf dessen Tour supporten. Aber nachdem die Tour dreimal verschoben worden war, wurde sie schließlich ganz abgesagt. Wart Ihr sehr enttäuscht darüber?

„Ja, ich muss zugeben, ich bin einer von diesen Black Sabbath Fans. Ich war wirklich enttäuscht darüber. Eine Tour mit Ozzy wäre natürlich großartig gewesen. So eine Art Abschlusskapitel. Aber vielleicht ist es auch besser, dieses Kapitel gar noch nicht abzuschließen."

Glaubst Du, dass Ihr diese Tour irgendwann nachholt? Oder ist das Kapitel für Euch abgeschlossen?

„Ich hoffe, dass wir das nachholen! Ich glaube, Ozzy wird so lange auf der Bühne stehen, wie er lebt. Und ich denke, er hat noch ein paar Jahre. Natürlich wäre ich stolz auf eine gemeinsame Tour. Aber man weiß ja nie, was passiert. Er ist ein großartiger Typ. Eines meiner großen Idole."

Zu Eurer musikalischen Entwicklung: Ich fand es immer recht erstaunlich, wie gemischt Euer Konzertpublikum ist: Alternative, Metaller, Gothics. Jedenfalls dachte ich das bis jetzt. Heute musst ich vor der Halle feststellen, dass eigentlich nur Schwarze in der Schlange standen. Ich weiß ja nicht, ob diese Leute da was falsch verstehen...Obwohl, dass ist vielleicht nicht so der richtige Ausdruck...

„Ja, ja. Ich weiß, was Du meinst. Das ist schwierig zu verstehen. Als wir vor sechs oder sieben Jahren angefangen haben, waren wir wesentlich mehr von der Gothic Szene beeinflusst. Und diese Szene ist wirklich...enthusiastisch, wie Underground - Szenen eigentlich alle. Und Leute, die dieser Szene angehören, sind gewöhnlich sehr treu. Auch wenn unsere Musik nicht „gothic" ist, eigentlich sogar überhaupt nicht mehr. Sie neigen dazu, den Bands treu zu bleiben, die sie einmal hören. Das ist natürlich schmeichelhaft und macht mich zufrieden. Sie sind uns treu und das ist gut so."

Okay, dann ist ein Punkt geklärt, den ich nicht so ganz verstanden habe. Bei Euren musikalischen Anfängen finde ich das ja noch nachvollziehbar. Aber inzwischen finde ich es recht ungewöhnlich.

„Ja, ich weiß, was Du meinst. Es ist in der Tat ziemlich ungewöhnlich."

Dann könnt Ihr eigentlich stolz darauf sein.

„Ja, ich bin auch sehr zufrieden damit. Weil es uns nicht verändert hat. Aber unser Stil hat sich verändert. Und auch unsere Musik, jedenfalls ein bisschen."

Und was für Leute würdest Du Dir im Publikum bei Euren Shows wünschen?

„Einfach ganz normale Menschen."

Keine bestimmte Szenegruppe?

„Nein, da fängt dann schon wieder das Marketing an und das finde ich schrecklich. Es ist so schlimm heutzutage, wie die Leute über Zielgruppen, Marketing und Musik nachdenken."

Wo wir gerade beim Thema Marketing sind: Gibt es hinter Eurer Band eine bestimmte Strategie? Bis zu welchem Punkt repräsentiert Ihr einfach Euch selber und ab wo kommen Marketing und Management, die Euch sagen: Tut dies und jenes, um diese Zielgruppe zu erreichen?

„Wir sind da eigentlich in einer ganz glücklichen Situation. Wir waren ziemlich erfolgreich und sind es noch immer. Deshalb können wir ihnen im Prinzip einfach etwas zum Verkauf vorsetzen. Da haben es Bands, die gerade anfangen, wesentlich schwieriger. Als wir angefangen haben, gab es auch solche Leute, die uns alles vorschreiben wollten. So etwas ist schrecklich. Man sollte Bands nie Anweisungen machen. Nicht so was wie: Du solltest das nicht anziehen, Du solltest nicht so aussehen. Mach Dein Album so und so. Man kann gar nicht dauernd auf so was hören, unmöglich."

Wenn man Eure Alben untereinander vergleicht, stellt man eine Entwicklung von Gothic - Wurzeln hin zu einer Art Rock ´n Roll fest. Bei „love metal" kann man eine Entwicklung zurück zu den Wurzeln erkennen: Das Material ist ähnlich hart wie am Anfang, aber es ist nicht mehr so dunkel und melancholisch. Wolltet Ihr Euch von diesem Gothic - Etikett wegentwickeln? Man hört noch immer, dass es sich um eine HIM - Platte handelt, aber es ist trotzdem anders. War das eine bewusste oder einfach eine natürliche Entwicklung?

„Manchmal haben Bands diese Illusion von einer bewussten Entwicklung. Aber meiner Meinung nach kann es so etwas nicht geben. Es läuft einfach, wie es läuft. Es ist unmöglich zu sagen: Okay, wir gehen nächsten Herbst ins Studio und nehmen ein Album auf, das genau so klingen wird."

Es läuft also einfach seinen Weg...

„Ja, es läuft einfach seinen Weg. Man hört einfach auf seine Musik..."

Es gibt da einen anderen interessanten Punkt an dieser Entwicklung. Es gibt sehr viele Bands in Finnland, die musikalisch gesehen, Eurem „Ursprungssound" sehr nahe kommen. Zum Beispiel Charon, To/Die/For und Entwine. Was denkst Du über diese Entwicklung? In Deutschland wurden diese Bands erst nach Eurem Erfolg bekannter. Haben sie sich alle durch Euch ermutigt gefühlt?

„Na ja, das ist eben die alte Geschichte. Wenn ein Fischer auf den Atlantik hinausfährt, mit Tonnen von Lachs wieder kommt und die dann verkauft, wird er reich. Und plötzlich will jeder Fischer sein. Du verstehst, was ich meine. Da ist ja nichts schlimmes dran: Led Zeppelin waren auch sehr erfolgreich und wir wollten werden wie sie. Üblicherweise sind diese Leute sogar wirklich nett. Musikalisch und auf sonstige Weise ist mir das egal."

Lass uns noch mal auf Eure Musik zurückkommen. Ihr habt vor kurzem „solitary man" gecovered, im Original von Neil Diamond. Dieses Original wiederum wurde dann von Johnny Cash und Chris Isaac gecovered.

„Ja, ziemlich merkwürdig."

Seid Ihr von beiden Fans? Oder anders gefragt: Wer von denen hat Euch zu der Coverversion motiviert? Man kann HIM ja nicht wirklich mit Chris Isaak vergleichen...

„Ja, ich weiß. Von der Version von Chris Isaak haben wir allerdings erst erfahren, als wir den Song schon gecovered hatten. Der eigentliche Ausgangspunkt war Johnny Cash. Ich mag Johnny Cash eigentlich gar nicht so sehr. Obwohl ich die „American Recordings" ganz gut finde. Die sind fantastisch. Aber dieser Countrykram ist Schwachsinn. Einfach Müll. Rassistische Müllmusik. Da steh´ ich nicht so drauf. Aber die „American Recordings" haben was. Und die Version von „solitary man" ist wirklich gut. Eine fantastische Version des Songs."

Also hat Euch auch diese Version dazu gebracht, das Lied zu covern?

„Ja, genau."

Um noch mal auf Black Sabbath als eine Eurer musikalischen Einflüsse sprechen zu kommen: I finde, dass man diesen Einfluss bei Daniel Lioneye, Eurem Sideproject, viel eher hört. Was ist eigentlich daraus geworden? Gibt es neue Pläne für...

„(lachend) für Daniel Lioneye... Es ist verdammt schwierig für Linde, Sänger und Songwriter zu sein. Er ist einfach mehr Gitarrist. Wir haben das Spielen für Daniel Lioneye als Musiker wirklich genossen. Aber heutzutage ist es eigentlich eine bescheuerte Idee, so ein Retrozeug zu spielen. Für mich als großen Retro und Stoner Rock Liebhaber ist es wirklich großartig, so ein Zeug zu spielen. Aber das hat es schon so oft gegeben. Ich well einfach nicht, na ja..."

Du willst Dich nicht wiederholen.

„Wiederholen, ja. Weiß Du: Ich will nicht mein Leben damit verbringen, in einer Daniel Lioneye - Band zu spielen, weil es einfach nichts neues mit sich bringt. Man muss nach etwas neuem suchen und etwas entwickeln, was ein Original ist."

Was sind Eure Pläne für die Zukunft? Ich meine, Ihr habt gerade ein Best Of Album veröffentlicht... Es gab dieses Gerücht, dass Ihr Euch für einige Zeit zurückziehen wollt und dass Ville ein Soloalbum plant.

„Ja, das ist Villes Plan. Aber ich werde nächsten Dezember 30 werden. Ich muss anfangen, nachzudenken. Vielleicht sollte ich mich zurückziehen. Etwas anderes tun..."

Du denkst also konkret darüber nach?

„Naja, in letzter Zeit habe ich das getan, ja."

Nur Du oder Ihr alle?

„Ich kann nicht für andere Leute sprechen."

Geht es nur darum, eine Pause zu machen oder wollt Ihr Euch ganz auflösen?

„Ähem, (macht eine Pause). Vielleicht nur eine Pause und danach machen wir weiter. Ich habe schon früher drüber nachgedacht. Aber das war zu der Zeit, als wir noch keinen Platten-Vertrag hatten. Und jetzt haben wir eben diese Compilation veröffentlicht. Das ist einfach der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken: Will ich das wirklich tun, oder vielleicht doch nicht?"

Viele Harcorefans können Songs wie "join me", die Ihr bei jeder Show spielt, nicht mehr hören. Nervt es Euch von Zeit zu Zeit dieselben Songs wieder und immer wieder zu spielen?

„Das sollte es nicht. Musik ist jedes Mal anders. Jedes mal, wenn man auf der Bühne steht, ist irgend etwas völlig neu. Ich muss das glauben, sonst würde ich verrückt werden. Denn das ist der Sinn meines Lebens. Ich bin eben kein großer Redner."

Gibt es eine Klausel in Euren Verträgen, die Euch dazu zwingt, diese Lieder jeden Abend zu spielen?

„Nein, so was sollte keinen Einfluss haben. Sollte es ganz sicher nicht. Verstehst Du, all diese Songs sind Geschichten aus dem Leben. Und das Leben geht weiter. Die Songs werden nicht alt. Manche Gefühle kommen auf die eine oder andere Art immer zu Dir zurück. Das ist die Art und Weise, die man einen Song sehen sollte."

Eine Frage bezüglich Eurer Liveshows: Eure musikalischen Einflüsse sind ja Black Sabbath, Kiss und so weiter. Diese Bands haben große Bühnenperformances, Pyrotechnik und ähnliches. Plant Ihr für Eure Band eine bestimmte Show?

„Ich mag keine Strategien in der Musik. Für mich ist das einfach Unterhaltung. Wenn ich lachen möchte, schaue ich mir King Diamond an. Es ist okay, aber es ist nicht der Grund für mich gewesen, mit dem Musikmachen anzufangen. Aber es ist ein Teil der Szene und das ist gut so."

Ich habe gerade gehört, dass wir ein Ende finden müssen...

„Nein, ich bin nicht in Eile, wenn Du noch Fragen hast."

Es gibt viele Fans, die wissen wollen, ob Ihr eine Tour in Japan, Südamerika und Australien plant.

„Ich weiß nicht. Wir gehen jetzt erst mal nach Amerika und da werden wir auch eine ganze Weile touren. Lasst uns erst mal abwarten, was dort passiert. Das ist erst mal genug. Wir haben nicht gerade viel Zeit. Diese Band ist nicht gerade tourfit. Jedenfalls nicht so fit wie Iron Maiden, die zwei Jahre am Stück touren."

Also keine Pläne?

„Keine Pläne. Der Plan ist, nach Amerika zu gehen. Wenn dort alles gut läuft - und das dauert noch ein Weilchen, Amerika ist groß - vielleicht dann. Es ist besser, ein Konzert ordentlich durchzuziehen, als eine Million Orte abzuklappern, die schlecht promotet sind. Es ist besser, sich auf einen Ort zu konzentrieren. Und dann werden wir eines Tages die Welt regieren."



Wenn der zeitliche Rahmen, der einzelnen Journalisten eingeräumt wurde, auch sehr knapp zu sein schien, trafen wir in dieser Zeit auf einen sehr professionell arbeitenden, stets freundlich und aufgeschlossen antwortenden Migé, der sich den Stress des Interview - und Tour-Marathons keineswegs anmerken ließ. Wenn sich an der musikalischen Entwicklung der Band im Publikum auch die Geister scheiden mögen: Bei dieser professionellen Einstellung ist die Entwicklung nicht verwunderlich. Und wenn die Band unter dem auf ihr lastenden Druck nicht eines Tages zusammenbrechen sollte, ist Migés Ziel, „die Welt zu regieren" vielleicht gar nicht so weit entfernt...

Daniela Fritsch/ Visions Underground

weitere Interviews »»
© Visions Underground Heavy Metal Magazin, webdesign by Grit Laskowski