XMas Metal Meeting - The Final Ceremony, 19.12.2009, Trier/Exhaus
Fast schon eine Institution ist das alljährliche vorweihnachtliche X-Mas Metal Meeting im Exhaus in Trier. Ebenso sind es die daran teilnehmenden Bands. Nachdem sich auch in den vergangenen Jahren diverse Lokalgrößen die Ehre gaben, um die Trierer Metallergemeinde in die Feiertage zu prügeln, durfte der geneigte Zuhörer und –schauer sich auch 2009 eines Hörgenusses ganz besonderer Art erfreuen. Das diesjährige vielversprechende Line-Up sah aus wie folgt: Den Anfang machten die noch recht jungen Incise aus Trier, gefolgt von den Mainzern um Misantrophic. Danach warteten die altbekannten Trierer um World Escape auf, denen Torment of Souls aus Bitburg folgten. Als Headliner begeisterten die Trierer Flesh Divine, die bedauerlicherweise ihr letztes Konzert spielten an diesem Abend.
Wie bereits erwähnt eröffneten Incise den metallischen Reigen und das taten sie gar nicht schlecht. Genau genommen rockten die Jungs die verhältnismäßig kleine Zuhörerschaft auf bemerkenswerte Weise! Gleich zu Anfang stellte sich unweigerlich heraus, dass Incise sich nicht mit alternierenden Rhythmen abgeben. Nein, die erst seit 2006 bestehende Deathmetalband überraschte mit atemberaubenden Tempuswechseln, die unglaubliche Konzentration der Musiker voraussetzen müssen – dass das einmal schiefgehen muss, war abzusehen! Gleich im zweiten Song verlieren die fünf jungen Trierer das Zusammenspiel und müssen von vorne starten.
(Bild: Incise)
In dieser Situation hat man nun zweierlei Möglichkeiten zu handeln: Man gibt den anderen die Schuld, meckert rum und verdirbt den Zuschauern die Laune oder man steht zu einem gemeinsamen Fehler, lacht drüber und macht es beim nächsten Mal besser. Incise haben sich für den zweiten Weg entschieden – und konnten trotz des kleinen Patzers auf diese sympathische Art das Publikum für sich gewinnen. Interessanterweise spielten die Jungs mit dem gleichen Anspruch und den gleichen virtuosen Synkopierungen und metrischen Umschwüngen weiter ohne auch nur einmal ins Schleudern zu geraten. Für solch gewagte Rhythmen, die an ein, zwei Stellen schon jazzig anmuten, eine Glanzleistung! Weiterhin positiv zu vermerken ist die Dichte und der Druck, den die Band musikalisch vermittelt. Woran es noch so manchem weltbekannten Musiker mangelt, bringen Incise wie selbstverständlich mit auf die Bühne. Schnelle Riffs und donnernde Drums ziehen sich wie ein roter Faden durch jeden Song, ohne dabei eine melodische Grundstruktur zu überdecken. So muss Deathmetal klingen! Schade ist allerdings, dass man einigen der Musiker ihre fehlende Bühnenerfahrung anmerkt. So konzentriert sich die Show massivst auf Sänger Christoph. Es wäre wünschenswert, seine Kollegen auch etwas entspannter und weniger statisch beim Musizieren erleben zu dürfen. Jungs, Nervosität habt ihr nicht nötig – ihr könnt’s doch! Last but not least muss hier einfach erwähnt werden, dass die Show – eben vornehmlich dank Christoph – einen gewaltigen Spaßfaktor mit sich bringt. Selbst wer nicht dem Deathmetal geneigt ist, wird sich an den unterhaltsamen Anekdötchen des Frontmanns ergötzen und spätestens bei der Zombie Wall, zu der Christoph im letzten Stück aufrief, alle Lachmuskeln beanspruchen müssen.
(Bild: Zombie Wall of Death)
Alles in allem ist es nicht verwunderlich, dass die recht kleine Zuhörerschaft innerhalb weniger Minuten nahezu geschlossen mit schüttelndem Haar vor der Bühne zu finden war. Incise haben trotz etwas statischer Performance der ein oder anderen Mitglieder musikalisch anspruchsvoll agiert und mit ihrer einnehmenden Natur das Exhaus unterhalten. Well done!
Nach diesem atemberaubenden Auftakt mischten Misanthropic das Exhaus noch einmal auf. Und deren Fatum sah zunächst nicht viel anders aus als das ihrer Vorgänger... Auch Misanthropic starteten recht versiert und druckvoll, doch auch bei den Mainzern stellten sich relativ kurzfristig Probleme ein. Aber dass das kein Beinbruch sein muss, haben Incise bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Nicht nur bei der kurzen anfänglichen Schwierigkeit, auch im Verlauf ihrer weiteren Darbietung offenbaren Misanthropic, dass sie auf der Bühne genau richtig sind. Deutlich merkt man den Jungs aus der Rheinland-Pfälzischen Landeshauptstadt die Routine beim Spiel an. Bemerkenswert ist auch, dass sie es tatsächlich vollbrachten, ihre Vorgänger in Punkto Schnelligkeit zu überbieten. Boten Incise bereits ein beachtliches Gewitter an Druck und Dichte, so setzen Misanthropic dem noch eins drauf! An Härte und Speed sind diese Jungs wohl nicht so schnell zu überbieten...
(Bild: Misanthropic)
Dementsprechend verhielt sich auch das Publikum, welches Misanthropic ebenfalls gebührlich feierte. Es war jedoch kaum zu übersehen, dass die Stimmung beim Vorgänger wesentlich besser war als bei den Mainzern. Sicherlich lässt sich dies mit dem klaren Heimvorteil von Incise erklären, deren Gesichter nahezu jedem Trierer Metaller bekannt sein dürften, doch darf dabei auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich der Eindruck ergab, dass der Abwechslungsreichtum bei Misanthrophic unter der Fokussierung auf Geschwindigkeit und Aggressivität litt. Um nicht das Bild des langweiligen Knüppelkonzerts zu skizzieren, sei hier sehr positiv angemerkt, dass Misanthropic auch teils fast schon psychedelische Parts in ihre Songs einflechten. So z.B. in dem symbolträchtigen und sehr einnehmenden „Man of Glass“. Schlussendlich bleibt festzuhalten, dass Misanthropic einen hochkarätigen Auftritt hingelegt haben, der das Trierer Exhaus verdammt gerockt hat und der ebenfalls darüber hat hinwegsehen lassen, dass es Startschwierigkeiten gab. Eine tolle Performance!
Nach soviel geballtem Death Metal enterten die nächsten heimatlichen Musiker die Bühne. Als dritte Band warteten World Escape auf, die ersten und einzigen Vertreter des waschechten Metalcore an diesem Abend. Wer die Trierer Szene kennt, weiß, dass man World Escape entweder liebt oder hasst. Frei von jeglicher subjektiven Vorbelastung muss man den Jungs ein großes Lob aussprechen für die Leistung in dieser Runde. Nicht nur dass sie ihren Vorgängern in absolut nichts nachstanden bezüglich Aggressivität und klanglichem Druck, nein, das alles bewerkstelligten die Jungs auch noch ohne Bass! Aus gesundheitlichen Gründen war es dem fünften Mann der Trierer nicht möglich diesen Abend mit zu gestalten. An dieser Stelle wünschen wir natürlich gute Besserung! World Escape merkte man einmal mehr an, dass die Jungs über ordentlich Bühnenerfahrung verfügen und ein eingeschworenes Team sind. Neben dem akustischen Genuss ist es eine Freude zu den Bandmitgliedern im Umgang miteinander zuzuschauen, welcher manifestiert, dass die Jungs sich auch gegenseitig viel Freude beim Spielen bereiten. Neben all den positiven Merkmalen dieses Auftritts überschattete jedoch ein Umstand dieses sonst so vorbildliche Konzert. Mit an Beleidigung grenzender Überheblichkeit präsentiert sich Sänger Air, dessen selbstgefällige Blicke auf das Publikum leider von seiner gesanglichen Leistung ablenkten. Da weniger manchmal mehr ist, wäre es wünschenswert, beim nächsten Mal weniger Posing zu sehen, um dem Zuhörer die Möglichkeit zu lassen, sich auf die Musik zu konzentrieren, ohne von Grimassen und höhnischem Grinsen abgeschreckt zu werden. Außerdem ließe dies Raum, die Band als Gesamtheit wahrzunehmen und den anderen Bandmitgliedern, die sich mitunter viel Mühe auf der Bühne gegeben haben, auch die ihnen gebührende Beachtung zu schenken. Um aber wieder zu schöneren Dingen zurückzukehren: World Escape haben es tatsächlich geschafft, noch einmal die Zügel anzuziehen und wiederum an Geschwindigkeit zuzulegen.
(Bild: World Escape)
Im kaum mehr wahrnehmbarem Tempo rasen die Finger der Gitarristen über ihre Instrumente, dass es einem von unten fast schwindelig wird. Spätestens jetzt dürfte auch dem letzten klar geworden sein, dass das Moselland Musiker der Spitzenklasse anzubieten hat. Wer hat vorher ohne Bassist einen vorläufigen Konzerthöhepunkt angezettelt und dabei alles vorher Da gewesene an Geschwindigkeit und Präzision übertroffen?! Musikalisch ist World Escape jedenfalls für eine exzellente Darbietung zu danken.
Nach diesem kurzen, aber heftigen Exkurs in die Gefilde des Metalcore ging es nun wieder zurück zum guten, alten Death Metal. Torment of Souls, die nun schon seit über 15 Jahre existenten Death Metaller aus der Bierstadt Bitburg, traten die Nachfolge der modernen World Escape an – mit Old School Death Metal! Was ein Umschwung! Torment of Souls haben natürlich von allen teilnehmenden Bands den höchsten Reifegrad vorzuweisen. Und das spiegelt sich nicht zuletzt darin wieder, dass die Bitburger sich in nur drei Jahren auf ganz bemerkenswerte Weise weiterentwickelt haben! Klangen sie um 2006/07 noch wie eine gut gemeinte Hommage an Tankard, so entpuppten sich die Jungs an diesem Abend als versierte, ernstzunehmende Musiker, die sich nicht nur verändert haben, sondern sogar nahezu einen anderen Stil spielen. Auf dem diesjährigen X-Mas Metal Meeting präsentierten sich vier stringent und treibend musizierende Herren, die am ehesten noch an God Dethroned erinnern. Diese Metamorphose verdient ganz besonderen Respekt, da unter Beachtung der individuellen Bezugsnorm Torment of Souls eindeutig die größte Leistung vollbracht haben. Um diese Leistung noch weiter zu untermauern, soll hier angemerkt sein, dass auch bei den Bitburgern Personalmangel herrschte und noch dazu gleich in doppelter Ausführung. Neben dem berufsbedingt verhinderten dritten Gitarristen fehlte auch der gesundheitlich angeschlagene Bassist. Auch ihm sei eine gute Besserung gewünscht! Unter diesen Bedingungen zu spielen verdient ein ganz besonderes Lob. Dabei fiel rasch auf, dass Torment of Souls an diesem Abend eindeutig das druckvollste Schlagzeug mitgebracht hatten. Im Vergleich zu vorherigen Bands lag hier nun ein eindeutiger Akzent auf den Drums, der keineswegs zu dominant klang, sondern eher dem rauhen, puren Death Metal eben diese Note verlieh. Des Weiteren profitierten die vier von ihrem stimmlich wesentlich gefestigteren Sänger als bei den vorangegangenen Bands. Um Missverständnisse zu vermeiden: Jede der dargebotenen gesanglichen Leistungen war professionell und ließ keinerlei Grund zur Beanstandung, doch muss einfach angemerkt werden, dass Jochens Stimmgewalt heraus stach. Die langjährige Erfahrung und der Altersvorsprung lassen seine Vocals zu einem ganz besonderen Hörgenuss werden. Auch widerspiegelt die Performance der Band, dass sie nicht zum ersten Mal auf der Bühne stehen. Jochen versteht es zu jedem Song ein kleines Anekdötchen zu erzählen, welches die Menge gehörig lachen lässt und für eine unvergleichliche Stimmung sorgt. Völlig zu Recht verlangen dann die Zuschauer am Ende eine Zugabe, welche ihnen selbstverständlich gewährt wird.
(Bild: Torment of Souls)
Hier nun drehen die Herren noch einmal richtig auf, knüppeln sich und die Menge halbtot und feiern schlussendlich mit ihren Fans gemeinsam auf der Bühne. Ein Erlebnis Sondergleichen! Das noch ausstehende Fazit fällt dementsprechend aus: Torment of Souls sind auf jeden die Überraschung des Abends gewesen. Die Jungs haben klar und deutlich gezeigt, wie aus einer thrashigen Raupe ein wunderschöner Todesschmetterling werden kann. Und dieser Schmetterling involviert das Publikum auf ganz bemerkenswerte Weise! Nicht umsonst haben Torment of Souls den besten Moshpit des diesjährigen X-Mas Metal Meetings hervorgerufen und ebenso wenig umsonst hat man sie nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen lassen.
Als letzte Band an diesem Abend begrüßte das Exhaus die waschechten Treverer um Flesh Divine, die ihr Abschlusskonzert gaben. Von Trauer war aber vorerst mal nichts zu spüren; die aufgeheizte Menge dachte zunächst nur daran, ihre Trierer Death-Metal-Koryphäe zu feiern. Diese wirkten mit ihrem recht traditionellen Death Metal nach mehrstündigem Blastgewitter fast lahm. Doch nach wenigen Minuten hatte sich das Ohr des Zuhörers auch auf diesen Stilumschwung eingestellt. Ganz klar waren Flesh Divine wieder in ihrem Element und es ist nicht zu übersehen, dass diese überdurchschnittlich begabten Musiker wie für die Bühne gemacht sind. Umso bedauerlicher mutet es an, dass die Jungs ebendiese verlassen wollen. Neben dem gewohnten Mix aus rauem Death-Metal-Gegröle und verspielten Gitarrenvariationen haben sich die Trierer aber auch gut ins Zeug gelegt, einen ehrenvollen Anschied zu feiern und ihren Fans noch einmal alles zu zeigen, was Flesh Divine ausmacht. So wurden beispielsweise wieder ganz alte Schinken aus der Anfangsphase der Band zu Millenniumszeiten ausgepackt, zu welchen der erste Sänger und gleichzeitig Stephens Vorgänger auf die Bühne eingeladen wurde. Für manche vielleicht etwas viel der Nostalgie, für die Mehrzahl auf jeden Fall ein geglückter Bonus zum ohnehin professionellen Auftreten von Flesh Divine. Auch Christoph von Incise agierte noch einmal als Gastmusiker, sodass sich ein durch und durch professionell konzipiertes und aufgeführtes Abschiedskonzert ergab. Zu der Spielweise von Flesh Divine muss man, glaube ich, nicht viel sagen: stimmgewaltig wie im-mer, verspielt bis aggressiv wie immer, humorvoll bis zornig wie immer. Eben wie man es von der jungen, dynamischen, begabten und leider nicht mehr existenten Band gewohnt war. Dass diese eine Lücke hinterlassen werden und sich dessen auch vollkommen bewusst sind, manifestierte sich nach dem Grande Finale als haufenweisen Umarmungen und Handschläge gab auf der Bühne. Aber man soll ja gehen, wenn es am schönsten ist... Zum Schluss bleibt mir nicht mehr viel zu sagen als Dankeschön, Flesh Divine für die jahrelange Bereicherung der Trierer Metalszene!
(Bild: Flesh Divine)
Ich spreche sicherlich nicht nur für mich, wenn ich behaupte, dass mit Flesh Divine ein lokaler Publikumsmagnet und eine Band von beachtlichem Potential geht. Es bleibt zu wünschen, dass die beteiligten Musiker ihre Instrumente nicht für immer im Keller verstauben lassen, sondern dass man sich an einem anderen Ort mit anderen Bands wieder sieht.
Fazit des Abends: Rheinland-Pfalz hat fünfmal unter Beweis gestellt, dass man im Südwesten weiß, was Metal ist! Ein solch qualitatives Konzert mit derart homogenen und talentierten Bands findet nicht allzu oft statt! Es bleibt, sich dem Wunsch Stephens von Flesh Divine anzuschließen: Bitte lasst das X-Mas Metal Meeting auch nach Auflösung der Band nicht einschlafen – es hat sich noch jedes Mal gelohnt! Ich freue mich schon auf das nächste Jahr und bin gespannt, was aus der X-Mas-Tradition geworden sein wird.
Text: Sarah Junges (V.U.), Photos: Florian Höh (V.U.) weitere Live-Reviews »»